Anmeldung

Die Anmeldung zur Teilnahme ohne aktiven Beitrag ist unter doktagung@ekw.uni-kiel.de bis zum 30. Juni 2026 möglich. Durch die Einzahlung der Teilnahmegebühr von 20 Euro ist die Anmeldung verbindlich. Die Zusendung der Bankverbindung erfolgt mit der Bestätigung der Anmeldung.

Programm

Mittwoch, den 15. Juli 2026

Ort: Institut für Europäische Ethnologie/Empirische Kulturwissenschaft, R. 209/10, [großer Seminarraum], Wilhelm-Seelig-Platz 6, 24118 Kiel

15:30 Uhr Ankommen

17:00 Uhr Begrüßung

17:30 Uhr Laura Brammsen, Vik Müller (Kiel) & Tobias Becker (Hamburg): Momente des Einlösens & Auslassens. Streiflichter aus Promotionserfahrungen (Workshop)

18:30 Uhr Ortswechsel

19:00 Uhr Gemeinsames Abendessen (Sidewalk, Holtenauer Straße 113, 24118 Kiel)


Donnerstag, den 16. Juli 2026

Ort: Seeburg, Düsternbrooker Weg 2, 24105 Kiel

8:30 Uhr Ankommen und Kaffee

9:00 Uhr Luisa Vögele (Tübingen): 2,10 laufende Meter Kunstkammer. Zwischen Anspruch und Realität in der Arbeit mit Archivalien

Es ist 9:15 Uhr. Ein Stapel an Briefen und Verwaltungsdokumenten liegt vor mir auf dem Schreibtisch im Lesesaal des Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Ich schaue mir die oberste Seite an, kann aber in der krakeligen und bereits leicht verwischten Handschrift kaum etwas erkennen. Stück für Stück entziffere ich Buchstaben und Wörter. Langsam erkenne ich einen Sinn in den Sätzen. Leider lese ich nichts, was für meine Dissertation relevant ist. Als ich am Ende der Seite angelangt bin schaue ich auf die Uhr. Es ist 9:30 Uhr. Mein Blick fällt zurück auf den dicken Stapel an Papier vor mir. Und auf die weiteren sieben Einheiten, die ich für heute ins Archiv bestellt habe. Ich blättere eine Seite weiter. Das obere Drittel hat einen Wasserschaden. Ich suche nach Keywords zu meinem Thema. Kann nichts erkennen. Ich blättere weiter und überfliege die nächste Seite. Und die nächste. Um 10:45 habe ich den Stapel durchgeblättert. Zehn Seiten, die mit wichtig erschienen, habe ich mit dem Handy gescannt, um später darauf zurückgreifen zu können. Die anderen waren nicht relevant für meine Diss. Wahrscheinlich. Hoffe ich.

In meinem Beitrag möchte ich gerne meine Erfahrungen in der historisch-archivalischen Arbeit in meiner Dissertation zur Kunstkammer der Herzog*innen von Württemberg im langen 19. Jahrhundert teilen. Vom Auslassen beim Kampf mit schlechten Digitalisaten, und Materialschwemme. Und von der Sorge nicht einlösen zu können, was man eigentlich schaffen will: dem Museum als Kooperationspartner hilfreiche Erkenntnisse zu liefern, den eigenen Ansprüchen und denen der (Zweit)betreuer („Ihr Buch soll DAS Werk sein, das man in die Hand nimmt, wenn man etwas zur Stuttgarter Kunstkammer wissen will“) gerecht zu werden. In der Betrachtung beispielhafter Quellen möchte ich gerne gemeinsam überlegen und diskutieren, wie wir mit diesem Spannungsverhältnis umgehen können, inwieweit Arbeitsdateien (z.B. MaxQDA) sichtbar gemacht werden sollen, und ob Forschungsdatenbanken helfen könnten, den eigenen Anspruch auf Vollständigkeit zu relativieren.

9:30 Uhr Elena Zendler (München): Diese entsetzlichen Lücken. Strukturelle Fragmentierungen und forschungspraktische Auslassungen in der Archivforschung zu weiblichen Lebensrealitäten im Alter

Weibliche Lebensgeschichten wurden in der kunst- und literaturwissenschaftlichen Forschung
über Jahrhunderte marginalisiert oder aus der Überlieferung ausgeschlossen – obwohl sie stets Teil gesellschaftlicher Realität waren. Auch in der Zeit um 1900 zeigt sich diese Verdrängung deutlich. München galt damals als Kunstmetropole und zog zahlreiche kreative Persönlichkeiten an. Unter diesen waren auch viele Frauen, die neue berufliche und künstlerische Wege einschlugen. Heute sind die meisten von ihnen jedoch in Vergessenheit geraten.

Das Dissertationsprojekt zielt darauf, weibliche kreative Lebensrealitäten sichtbarer zu machen. Der Fokus liegt hierbei auf der Lebensphase des höheren/hohen Alters, welche insbesondere bei Frauen häufig mit verstärkter Unsichtbarkeit einhergeht. Anhand der Biografien von fünf Schriftstellerinnen der Münchener Jahrhundertwende werden Aspekte ihrer Lebensläufe vornehmlich in Hinblick auf diese Phase untersucht. Die Forschung basiert auf der Arbeit in Archiven. Dabei zeigen sich verschiedene strukturelle und forschungspraktische Herausforderungen.

Die Archivarbeit zeigt zunächst grundlegende strukturelle Erschwernisse: Generell sind viele Künstlerinnen-Nachlässe auf mehrere Archive verteilt, unvollständig verzeichnet oder nur fragmentarisch erschlossen. Zudem wurden insbesondere weibliche* Nachlässe lange Zeit vernachlässigt, zerstückelt oder entsorgt, wodurch sie nicht in gleichem Maße erforschbar sind.

Zusätzlich zeigen sich im konkreten Forschungsprozess nach Auswahl der fünf Schriftstellerinnen weitere Herausforderungen. Während einige Nachlässe überschaubar sind, sind andere so umfangreich und auf mehrere Standorte verteilt, dass sie nicht vollständig gesichtet werden können. Bei diesen Beständen müssen aus zeitlichen und finanziellen Gründen notwendige Auswahlentscheidungen getroffen werden. Die teilweise bereits von den Erblasserinnen zu Lebzeiten vorgenommenen Reduktionen der Bestände sowie schwer lesbare Schriftbilder und zeitbedingte Schäden an den Dokumenten erschweren die Auswertung zusätzlich. Der Umgang mit persönlichen Materialien bringt zudem eine besondere Verantwortung mit sich – insbesondere, da teilweise Kontakt zu Nachfahrinnen besteht. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Arbeit und einem sensiblen Umgang mit potenziell heiklen Informationen, die in der Forschung sichtbar werden können.

Der Vortrag versteht sich als Einblick in das laufende Dissertationsprojekt sowie als Werkstattbericht, der die Notwendigkeit von Auslassungen und Eingrenzungen in der Forschung an ohnehin oftmals strukturell fragmentierten Nachlässen thematisiert. Er zeigt diese Problemlagen auf, skizziert mögliche Lösungsansätze und eröffnet Raum für den Austausch von Erfahrungen und Perspektiven.

10:00 Uhr Kaffepause

10:15 Uhr Sarah Tschanun (Saarbrücken): Auslassen um einzulösen. Methoden und Darstellungsformen zur Erfassung von Zugängen zu Intuitition.

Die eigene Intuition ist nicht nur Basis für alltägliche Handlungen und Entscheidungen, sondern trägt auch maßgeblich zur Sinnfindung und Selbstverortung in der Welt/im Leben bei. In meiner Forschung möchte ich untersuchen, wie es Künstler:Innen gelingt in der (vermeintlich) rationalen, zweckorientierten und ökonomisierten Postmoderne ihre Zugänge zu Intuition aufrechtzuerhalten und in der künstlerischen Praxis wie auch in alltäglichen Situationen zu nutzen.

Als implizites, verkörpertes, nicht proportionales sowie fluides Phänomen lässt sich Intuition allerdings niemals vollständig über Sprache erfassen. Daher möchte ich einen Methodenmix vorstellen und diskutieren, der gerade erst durch das explizite Auslassen von Versprachlichung das Versprechen des Forschungsvorhabens einlösen kann.

Grundlage der empirischen Herangehensweise bilden teilnehmende Beobachtungen der künstlerischen Praxis und des Alltags von 10 Künstler:Innen aus möglichst unterschiedlichen Genres. Narrative Interviews werden zu intuitiven Momenten, aber auch zu Haltungen und zum Umgang mit Intuition bzgl. Hürden im künstlerischen Prozess, und im Leben generell geführt, was oftmals nicht voneinander zu trennen ist. Die zweite tragende Säule sollen meine eigenen autoethnografischen Aufzeichnungen bilden, welche über Tagebücher (schriftlicher und visueller Art) versuchen implizite Wahrnehmungen festzuhalten und die körperlich-sinnliche Ebene auch über literarische Textformen auszudrücken. Der dritte Teil der Forschung besteht aus der Praxis künstlerischer Forschung, die Künstler:Innen und Forscherin gemeinsam praktizieren. Dabei ist künstlerische Forschung nicht als Kunstform zu verstehen, die zu Forschung mutiert, indem sie Fragen stellt, sondern die Forschung wird künstlerisch, indem sie sich aus künstlerischer Erfahrung speist. Das Wissen, dass hierbei gewonnen werden kann, ist sinnlich-körperlicher Natur also ein fühlbares gespürtes Wissen.

Auch die Darstellung der Forschungsergebnisse basiert auf diesen drei unterschiedlichen, aber zusammengehörigen Formen des Wissens: die schriftliche und mündliche Darstellung der Erfragten und Beobachteten Erkenntnisse, die literarische Darstellung der autoethnografischen Erkenntnisse sowie die künstlerische Darstellung der gemeinsam erfahrenen sinnlich-körperlichen Erkenntnisse. Im besten Fall entsteht so eine schriftliche Dissertation, zu der in gleichwertigem Maße auch eine Ausstellung verschiedener künstlerischer Positionen gehört, um dem Publikum auch nicht-sprachliche Erkenntnisse zu vermitteln.

10:45 Uhr Dafina Gashi (Mainz): Einlösen und Auslassen im Feld. Visuelle Ethnogafie von Körper- und Schönheitspraktiken im Kosovo

Dieser Beitrag basiert auf meiner Doktorarbeit über die Schönheitspraktiken von Frauen im Kosovo nach der Unabhängigkeit. Im Kontext des Wachstums der Schönheitsindustrie in dieser europäischen Semi-Peripherie analysiere ich, wie junge Frauen kosmetische Eingriffe als Mittel zur Verhandlung von Geschlechtsidentität und gesellschaftlichen Normen einsetzen.

In Bezug auf das Konferenzthema fokussiere ich mich auf meine methodischen Erfahrungen mit visueller Ethnografie in Modeakademien, Ateliers, bei Hochzeitszeremonien und in Schönheitssalons in Pristina. Im Folgenden reflektiere ich die Verschiebungen meines methodischen Vorgehens im Promotionsprozess.

Mein visueller Ansatz basiert auf der Fotografie als Zugang zum Feld. Meine Tätigkeit als Fotografin eröffnet mir Zugang zu spezifischen Räumen und Situationen, die mir ansonsten nicht zugänglich wären, wie beispielsweise Modeateliers oder lokale Hochzeitszeremonien. Diese Form der Einbindung ist mit fortlaufenden Aushandlungsprozessen verbunden. Es stellt sich die Frage, welche Aspekte festgehalten und welche ausgelassen werden, und mit welcher Intention dies geschieht. Diese Entscheidungen werden situativ im Feld getroffen.

Zur Analyse dieser Prozesse greife ich auf die Begriffe „Einlösen“ und „Auslassen“ zurück. Einerseits ermöglicht die Kamera Zugang und Teilnahme und trägt damit zur Einlösung bestimmter Erwartungen bei. Andererseits erfordert der performative Charakter des Feldes eine Auseinandersetzung mit den Grenzen des Darstellbaren und der Notwendigkeit des Auslassens. Dies führt zu einer Spannung zwischen der Nutzung der Kamera zur Darstellung und ihrer Verwendung als Instrument des Verstehens.

Aus diesem Grund betrachte ich das Auslassen als eine bewusste methodische Verschiebung. Die Kamera fungiert in diesem Fall als ein epistemisches Instrument, das Aushandlungsprozesse und nonverbale Kommunikation jenseits der ästhetischen Sphäre erfasst.

Ich argumentiere, dass das Auslassen in der visuellen Ethnografie eine produktive epistemische Strategie darstellt. Diese Verschiebung hat Auswirkungen auf den Einsatz der Kamera und die methodologische Logik des Promotionsprozesses.

11:15 Uhr Hannah Rotthaus (Oldenburg): Tagebuch eines Inhaftierten. Ethnofiktion zwischen Writing Culture und Dissertationslogiken

Der Beitrag greift Prozesse des Einlösens und Auslassens in doppelter Weise auf: im Feld des Gefängnisses mit seinen strukturellen Ausschlüssen sowie im Prozess wissenschaftlicher Verschriftlichung. Ausgehend von meiner ethnografischen Forschung zur Abwesenheit digitaler Zugänge im Haftalltag entwerfe ich eine ethnofiktionale Beschreibung der Lebenswelt von Inhaftierten. Zugleich reflektiert der Beitrag, warum diese dichte, literarisierende Beschreibung im Rahmen der Dissertation aufgrund prüfungsformativer Erwartungen an wissenschaftliche Schreibweisen ausgelassen wird. Damit knüpft der Beitrag an Writing-Culture-Debatten und Fragen nach Repräsentation und Machtasymmetrien im Feld an: Wie schreiben wir über andere, wessen Perspektiven werden sichtbar und welche Formen des Erzählens gelten als wissenschaftlich legitim?

Im Zentrum des Vortrags steht ein ethnofiktionaler Text, der den Alltag im Gefängnis aus der Perspektive eines Inhaftierten nachzeichnet: vom Aufwachen in der Zelle bis nach dem abendlichen Einschluss. In diese narrative Verdichtung fließen Beobachtungen und Gespräche aus meiner empirischen Forschung zu relationalen Online- und Offline-Praktiken ein. Wie gestalten Inhaftierte ihren Alltag unter Bedingungen der digitalen Exklusion? Welche Ersatzpraktiken und kreativen Aneignungen von Technik entstehen dabei? Digitalität – beziehungsweise deren Abwesenheit – ist dabei nur ein Aspekt des komplexen Gefängnisalltags und mit vielen anderen Praktiken verwoben.

Die ethnofiktionale Form macht sinnlich erfahrbar, was die Dissertation analytisch zerlegt und theoretisch rahmt. Der Beitrag versteht sich als selbstreflexive Auseinandersetzung mit den Grenzen legitimer Schreib- und Wissensformen im Promotionsprozess. Was lassen wir aus, um wissenschaftliche Erwartungen zu erfüllen? Welche epistemischen Potenziale bleiben unsichtbar? Und welche Zugänge zu unserem empirischen Material ermöglichen alternative Formate, auch wenn sie in der Dissertationsschrift nicht erscheinen?

11:45 Uhr Mittagspause

13:00 Uhr Manuel Bolz (Hamburg/Göttingen) & Jana Paulina Lobe (Bamberg/München): ‚Rosy retrospection‘ reflektieren. Eine kulturanthropologische Austausch-, Deutungs und Schreibwerkstatt zu Nostalgie in empirischem Forschungsmaterial (Workshop)

Ob Retro- und Vintage-Ästhetiken in Mode und Design, Social Media-Trends wie 2026isthenew2026 oder politische Narrative und retraditionalisierende Bildrepertoires – Nostalgie ist seit mehreren Jahren in Alltags- und Medienkulturen präsent. Aus kulturanthropologischer Perspektive ist Nostalgie nicht nur individuelle Empfindung, sondern ein gesellschaftliches Deutungsmuster und eine kulturell geformte Praxis, durch die Vergangenheit sinnhaft geordnet wird (Boym 2001). Nostalgie fungiert insbesondere in Zeiten gesellschaftlicher Krisen und Transformationsprozesse als selbstvergewissernde und identitätsstiftende Ressource, die dazu beiträgt, Vergangenheit zur Gegenwart (und auch Zukunft) anschlussfähig, erinnerungswürdig und erzählbar zu machen (Bauman 2017). Dabei handelt es sich weniger um die genaue Rekonstruktion von ‚Geschichte‘ als um ihre narrative Bearbeitung im Sinne einer ‚rosy retrospection‘ (Mitchell/Thompson/Peterson et al. 1997). Nostalgie idealisiert vergangene Praktiken, Phänomene, Orte oder Gemeinschaften und schafft so ein Gefühl von Kontinuität. Daher sind nostalgisches Sehnen, Erzählen und Repräsentieren eng mit kollektiver Erinnerung und Verlusterfahrungen verbunden. Indem sie Zugehörigkeit stiftet, kann Nostalgie stabilisierend wirken. Gleichzeitig gehen mit Nostalgisierungen jedoch auch Auslassungen einher: Gewaltverhältnisse und Konflikte treten in den Hintergrund, während exkludierende Gesellschaftsverständnisse und Machthierarchien reproduziert werden. Im Kontext erstarkender Populismen wird Nostalgie oft politisch instrumentalisiert und als massenmedial wirksame Vermittlungsstrategie genutzt, um bestimmte Weltbilder zu festigen.

Die geplante Werkstatt möchte hier ansetzen: Angelegt als quellenkritisches Schreib-, Austausch und Deutungsformat, möchte sie Nostalgie in empirischen Materialien und Forschungsfeldern sowie in der Forschungspraxis nachspüren. Die Teilnehmenden sind eingeladen, eigenes historisch-archivalisches und ethnografisch-gegenwartsorientiertes Quellenmaterial mitzubringen. Nach einem Kurzüberblick über Begriffsgenese und verschiedene interdisziplinäre Zugriffe auf das Phänomen ‚Nostalgie‘ werden Quellenausschnitte in Kleingruppen gelesen und diskutiert. Im Plenum soll anschließend der kulturanthropologischen Greifbarkeit und Analysierbarkeit von Nostalgie nachgespürt werden: Welche Rolle spielt Nostalgie in den jeweiligen Feldern und sozio-historischen Kontexten? Welche Erfahrungen und Erzählungen werden als erinnerungswürdig markiert? Und welche Bewertungen und Ordnungsversuche prägen die Repräsentationsmodi von Geschichte und Gegenwart?

Im Sinne des Tagungsthemas wird das Einlösen und Auslassen im empirischen Material sichtbar: Eingelöst wird eine narrativ geordnete oder versöhnte Version von Vergangenheit, (bewusst) ausgelassen werden widersprüchliche oder schwer integrierbare Erfahrungen. Die Werkstatt zielt darauf ab, die analytische Sensibilität für idealisierte Vergangenheitsbezüge im eigenen Forschungsmaterial zu schärfen.

Literatur: Bauman, Zygmunt: Retrotopia. Cambridge 2017; Boym, Svetlana: The Future of Nostalgia. New York 2001; Mitchell Terence R./Thompson, Leigh/ Peterson, Erika et al.: Temporal adjustments in the evaluation of events: The „rosy“ view. In: Journal of Experimental Social Psychology 33 (1997), S. 421448.

Hinweis: Alle Teilnehmenden werden gebeten, einen prägnanten, thematisch anschlussfähigen Ausschnitt aus ihrem empirischen Material (ca. 5–10 Zeilen) mitzubringen, z. B.: Interviewtranskript, Feldnotiz mit retrospektiver Passage, Social-Media-Post, Archivalie/Historisches Ego-Dokument, Zeitungsartikel o.a.

15:00 Uhr Pause

15:30 Uhr Ann-Sophie Aue (Klagenfurt): Eine Diskussion über Einlösen und Auslassen im Geflecht von Infrastruktur, Europäisierung und lokalen Perspektiven entlang der Koralmbahn

Die Koralmbahn ist eine neue Eisenbahnverbindung im südöstlichen Österreich, die die Städte Klagenfurt im Bundesland Kärnten und Graz in der Steiermark direkt verbindet. Die Koralmbahn bildet einen zentralen Abschnitt des Baltisch-Adriatischen Korridors und wird in Planungs- und Politikdiskursen als Initiator regionaler Entwicklung sowie europäischer Vernetzung diskutiert. Mit der Trasse sind weitreichende Zukunftsversprechen verbunden, die entlang der Strecke unterschiedlich eingelöst oder ausgelassen werden können, sowohl in der Wahrnehmung lokaler Akteur:innen als auch in den Planungsprozessen selbst. Aus einer kulturanalytischen Perspektive interessiert mich insbesondere, wie entlang der Koralmbahn unterschiedliche Vorstellungen von Region, Mobilität und Zukunft entstehen, zirkulieren und ausgehandelt werden.

Das Dissertationsprojekt am Institut für Kulturanalyse in Klagenfurt, begonnen im März 2026, befindet sich in einer frühen Konzeptionsphase. In diesem Diskussionsformat werden die Prozesse des Einlösens und Auslassens auf zwei Ebenen reflektiert: Erstens im Forschungsfeld selbst, indem untersucht wird, wie Menschen entlang der Koralmbahn europäische Maßstabsebenen wahrnehmen, welche Aspekte ihres Alltags sichtbar oder ausgeblendet bleiben, und inwiefern transnationale Korridore lokal relevant werden. Entsteht durch die Einbindung in einen europäischen Verkehrskorridor tatsächlich ein neuer Bezugsrahmen, der etwa Verbindungen in Richtung Ostsee oder Baltikum imaginiert? Oder bleiben diese Maßstabsebenen abstrakt für lokale Akteur*innen? Zweitens in der eigenen Forschung, indem reflektiert wird, welche Perspektiven gegenwärtig erfasst werden können, welche noch unklar oder „ausgelassen“ bleiben und wie die eigene Rolle als Forscherin Beobachtungen und Interpretation beeinflusst.

Methodisch ist eine ethnographische Herangehensweise geplant. Der Beitrag versteht sich bewusst als Diskussionsformat. Er präsentiert das Projekt im Aufbau, macht Unsicherheiten transparent und lädt das Publikum ein, über theoretische Konzepte, methodische Strategien und offene Fragen mitzudiskutieren. Dabei wird die Koralmbahn als exemplarischer Ort behandelt, an dem sich infrastrukturelle Zukunftsversprechen, lokale Aneignung und forschungspraktische Entscheidungen verdichten. Es entsteht ein produktives Spannungsfeld, um die Prozesse zwischen Einlösen und Auslassen sowohl im Feld als auch in der eigenen Forschung zu erforschen und diskutieren.

16:00 Uhr Marie Laufkötter (München): Einlösen, Auslassen — Einlassen? Eine Ethnografie der Begegnung in ländlichen Räumen zwischen Feldforschung und Technikentwicklung.

Das BMLEH-geförderte Verbundforschungsprojekt NEON, in dem meine Promotion angesiedelt ist, beschäftigt sich mit der zentralen Frage, wie sich Ernährung und Nahversorgung in ländlichen Räumen mithilfe digitaler Lösungen besser und nachhaltiger gestalten lassen und eröffnet so zahlreiche kulturwissenschaftlichen Forschungsdesideraten. Im Rahmen eines anwendungsorientierten Forschungsprojekts ergeben sich zwischen Feld und Projektpartner*innen allerdings zahlreiche Erwartungshaltungen, die eingelöst werden müssen und im Forschungsalltag oft ein Auslassen – etwa von Kritik, Offenheit und Unbestimmtheit – erfordern. Würfelt man das Begriffspaar des Einlösens und Auslassens neu zusammen, ergibt sich schließlich aber auch das Einlassen. Dieser Gedanke – speziell das Sich-Einlassen auf Unerwartetes, Zufälliges und sich außerhalb des Projektrahmens Befindliches – ist essenzieller Bestandteil einer kulturwissenschaftlichen Forschung und stellt den Ausgang meiner Überlegungen Begegnungen in ländlichen Räumen dar. Anhand dessen eröffnet sich der Blick auf verschiedene Aspekte des Begegnens, das nicht nur alltäglich vollzogen wird, sondern auch Gegenstand von Planung und Imagination, Erinnerung und Wertvorstellungen ist. Der Vortrag skizziert den Weg zum Forschungsvorhaben im Spannungsfeld von Projektarbeit und Promotion und widmet sich anhand empirischer Beispiele und theoretischer Grundlagen der Praxis und dem Begriff der Begegnung.

16:30 Uhr Pause

16:45 Uhr Johannes Kröger (Klagenfurt): Ausgelassen im Feld

In meiner ethnografischen Forschung zu Wasserkonflikten im Kontext der Klimaneutralitätsagenda von Klagenfurt am Wörthersee stoße ich auf ein Paradox: Einlösen und Auslassen sind nicht nur Kategorien, über die ich als Promovierender nachdenken muss, sie beschreiben auch meine eigene Situation im Feld.

Wasser fasziniert mich. Ich schwimme, segle, beobachte, wie es sich verhält. Im September 2024 war das Leitungswasser der Stadt wochenlang mikrobiologisch kontaminiert, und der Fluss um die Ecke durfte aus ähnlichen Gründen nicht betreten werden. Das Element, das mich anzieht und das ich erforsche, war plötzlich das, wovon ich mich fernhalten musste. Diese Ausgesetztheit lässt sich methodologisch nicht wegklammern. Als Nicht-Österreicher, der seit sechs Jahren in Österreich lebt, ist meine Position zusätzlich schwer einzuordnen. Ich kenne die Stadt, ihre Konflikte, ihre Institutionen, fühle mich lokal verankert, und werde im Feld dennoch permanent als Außenstehender markiert. Die Rolle des Ethnografen, der lokale Lebenswelten adäquat erforscht, ist eine, die ich einlösen soll und will, die ich aber, so signalisiert mir das Feld, nie vollständig einlösen kann. In meinem Vortrag möchte ich diese Spannungen als methodologischen Befund entfalten: Was bedeutet es, wenn das Feld selbst entscheidet, was eingelöst werden darf und was ausgelassen bleibt? Welche Erkenntnismöglichkeiten entstehen aus der Reibung zwischen affektiver Nähe und zugewiesener Außenseiterschaft?

Als Rahmung dient das empirische Feld selbst: In Klagenfurt werden unter dem Druck von EU-Klimadeadlines Versprechen eingelöst und gleichzeitig Sumpfgebiete, Überschwemmungsgeschichten und mehr-als-menschliche Akteure aus Planungsdiskursen ausgelassen. Einlösen und Auslassen ist kein bloß reflexives Problem der Promotionsforschung, es ist das Prinzip, nach dem mein Feld selbst funktioniert.

17:15 Uhr Natalie Liedtke (Regensburg): „Darf ich dann noch Du sagen?“

Ausgehend von der Grundhaltung Bourdieus, dass habituelle (An-)Passungen an den Wissenskontext gebunden sind, erhalten Erfahrungen ihren Ausdruck in inkorporierten früheren sozialen Erfahrungen. Dieser Habitus basiert demnach auf spezifischen gesellschaftlichen Positionen, die Personen in den jeweiligen sozialen Gruppen einnehmen. In ihnen manifestieren sich einerseits subjektive, wie auch kollektive Gewohnheiten, deren Sozialisationsprozess in den Körpern kultiviert sind (vgl. Bourdieu 1974, 125-128).

Mittels dieser theoretischen Annäherung möchte ich entlang meines Dissertationsvorhabens die Prämisse als Doktorandin aus einem sogenannten Nichtakademiker-Haushalt anhand des gegenwärtigen Forschungsstands und Prozesses reflektieren.

Insbesondere die aus meiner Herkunftsfamilie übermittelten Erwartungen, die sowohl subtil, scheinbar bedeutungslos wie auch erwartungs- und verheißungsvoll aufgeladen an mich als Doktorandin herangetragen werden, sollen in Bezug auf Phänomene des Auslassens und Einlösens in dem Forschungsprozess eingebunden werden. Inwiefern bereits die Ideenfindung davon beeinflusst war und wie der weitere Forschungsaufbau sowie die Umsetzung davon geprägt sein können, möchte ich zum Gegenstand des Vortrags machen. Hierzu möchte ich den aktuellen Stand meiner Forschung miteinbeziehen und das Vorhaben erläutern, welches methodisch mittels der Kritischen Diskursanalyse nach Jäger die Darstellung von Frauen in der Italienisch-Organisierten-Kriminalität anhand (auto-)biografischer Romane thematisiert.

17:45 Uhr Programmende


Freitag, den 17. Juli 2026

Ort: Seeburg, Düsternbrooker Weg 2, 24105 Kiel

8:30 Uhr Gemeinsames Frühstück

9:30 Uhr Fachinformationsdienst Sozial- und Kulturanthropologie (Workshop)

11:00 Uhr Pause

11:15 Uhr Helena Deiß (Wien/Innsbruck): Zwischen Transformationsversprechen und institutioneller Dominanz. Grenzen von Partizipation in hegemonialen Rahmungen

Im Sinne des Tagungsthemas „Einlösen & Auslassen“ bewegt sich der eingereichte Beitrag im Spannungsfeld zwischen dem Einlösen Kultureller Teilhabe sowie dessen Auslassungen. Kernpunkt meiner Dissertation „Transnationale Perspektiven auf kulturelle Teilhabe zur Förderung postkolonialer Prozesse in Kulturinstitutionen“ ist das Potential konterhegemonialer Praktiken in Kulturinstitutionen. Ich befasse mich mit Formen kultureller Teilhabe als dekolonisierende und postfaschistische Praxis. Hierbei untersuche ich, wie durch ko-kreative Prozesse emanzipatorische Räume entstehen, in denen hegemoniale Wissensordnungen herausgefordert und alternative Narrative artikuliert werden.

Zur analytischen Reflektion kommen hegemonietheoretische, postkoloniale und museologische Perspektiven am Beispiel empirischer Fallanalysen zum Tragen, um das transformative Potential partizipativer Vermittlungspraktiken in Kultureinrichtungen zu reflektieren. Kultureinrichtungen werden dabei im gramscianischen Sinne als Orte der Hegemonie adressiert, in denen Macht – z.B. in Form von legitimem Wissen – und Teilhabeverhältnisse – wer beispielsweise die Macht besitzt, dieses Wissen zu produzieren, verwalten und zu konsumieren – verhandelt werden.

Der Beitrag fokussiert dabei auf die im transnationalen, empirischen Forschungsprozess sichtbar werdenden Grenzen des Versprechens von Partizipation, die als Momente des Auslassens in mehrerlei Hinsicht begriffen werden:
a) Die Analyse untersucht die epistemischen Strukturen in Institutionen, die zwar mit postkolonialen, postfaschistischen Diskursen in Berührung kommen, es jedoch fraglich ist, inwiefern ihre Grundstruktur davon angegriffen wird.
b) Diesem folgend ist zu erforschen, inwiefern neben theoretischen Diskursen auch damit einhergehende kulturelle Praktiken eine Veränderung von Institutionen bewirken können, wie z.B. kulturelle Teilhabe als konterhegemoniale Praxis verstanden wird. Dabei stellt sich die Frage, inwiefern diese partizipativen Strategien tief verwurzelte Logiken hegemonialer Institutionen grundlegend herausfordern können.
c) Drittens werden Vermittlungspraktiken in ihrer Transformations- und Wirkkraft für die
Partizipierenden selbst untersucht.
d) Ein finaler metareflexiver Analysepunkt des Beitrags beschäftigt sich mit den Grenzen und Auslassungen des Forschungsprojektes selbst, und wie mit diesen konstruktiv umgegangen werden kann.
Als methodologische Analysebrille wird die postmoderne Weiterentwicklung der Grounded Theory, die Situationsanalyse herangezogen, um komplexe Situationen, Machtverhältnisse und marginalisierte Positionen sichtbar zu machen.

Der Beitrag lädt dazu ein, empirisch und methodologisch reflektiert über die Potentiale von Teilhabe hinsichtlich ihres Transformationspotentials dominanter Strukturen nachzudenken.

11:45 Uhr Maria Pusoma (Bamberg): Zwischen methodischem Einlösen und theoretischem Auslassen. Neurodiversität, Normalität und unsichtbare Barrieren im Museum

Die Dissertation untersucht Museen als normative Wahrnehmungsräume, in denen unsichtbare Barrieren neurodivergente Teilhabe, Aufmerksamkeit und Wohlbefinden strukturieren. Leitend ist die Frage, welche Wahrnehmungsordnungen im Museum implizit (re)produziert werden und wie sie Zugehörigkeit, Ausschluss und Nicht-Besuch hervorbringen. Empirisch stützt sich der Beitrag auf eine digitale Vorstudie, einer fokussierten ethnografischen Untersuchung sowie partizipativen Zugängen. Im Sinne des Tagungsthemas interessiert mich besonders das Spannungsverhältnis von Einlassen und Auslassen: Wer wird im Museum mitgedacht, wer bleibt außen vor, und wie lassen sich diese Prozesse aus neurodivergenter Perspektive untersuchen?

12:15 Uhr Gemeinsame Mittagspause & Abschluss

15:00 Uhr Freilichtmuseum Molfsee: Besuch & Kurator*innenführung im Jahr100Haus – für alle, die noch Lust und Zeit haben, etwas länger zu bleiben!


Organisationsteam

Tobias Becker, Laura Brammsen, Vik Müller

doktagung@ekw.uni-kiel.de