Einlösen & Auslassen

20. Doktorand*innentagung der Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft (DGEKW)

15.17.7.2026, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Prozesse und Momente des Einlösens und Auslassens bilden zentrale Bestandteile jeglicher kulturwissenschaftlicher Forschungspraxis – sei es in ethnografischen, diskursanalytischen oder historisch-archivalischen Arbeitsweisen. Insbesondere im Rahmen mehrjähriger Promotionsforschungen und der damit verbundenen Lebens- und Arbeitssituation spielt das Einlösen und Auslassen eine grundlegende, oft jedoch eher latente als explizite Rolle. Der Begriff des Einlösens verweist auf das Erfüllen von Versprechen, Erwartungen, Ansprüchen, Zielen oder Verpflichtungen und ist mit Praktiken des Zusagens und der Verbindlichkeit verschränkt. Demgegenüber bezeichnet Auslassen unterschiedliche Formen des Weglassens oder Nicht-Berücksichtigens. Dazu gehört beispielsweise, etwas fortfallen zu lassen, Abfolgen zu unterbrechen oder (vermeintliche) Erwartungen nicht zu erfüllen. Zugleich ist der Begriff semantisch offen: Auslassen kann ebenso das Sich-Äußern von Stimmungen und Affekten bezeichnen, während das Partizip ausgelassen eine positive Konnotation von Überschwang, Wildheit oder Frechheit trägt. All diese Momente des Einlösens und Auslassens treten im Promotionskontext auf unterschiedlichen Ebenen auf: in Bezug auf Themen, Forschungsfelder und Verfahren, angesichts von Bedingungen und Beschränkungen rund um die Promotion sowie mit Blick auf Perspektiven und Möglichkeiten vor und nach dem Promotionsprozess.

Mit Blick auf Inhalte, Themenfelder und Verfahren der Promotionsforschung stellen sich Fragen danach, wie wir als Promovierende unsere Forschung gestalten und welche Rolle wir dabei einnehmen. Entscheidungen zur Wahl und Eingrenzung des Themas, zur inhaltlichen Schwerpunktsetzung sowie zur theoretischen Perspektivierung gehen mit bestimmten Erkenntnismöglichkeiten und -grenzen einher und machen zugleich Forschungsdesiderate sichtbar – also das, was ausgelassen bleibt oder erst im Verlauf des Promotionsprozesses als relevant erscheint. Zugleich wirken unterschiedliche Erwartungen auf die Forschung ein: solche, die wir an uns selbst richten, ebenso wie Erwartungen von Betreuenden, der wissenschaftlichen Community oder aus dem Feld heraus. Im Verlauf der Arbeit verändern sich Fragestellungen, Zugänge und Vorgehensweisen; Aha-Momente, Exploration und Inspiration eröffnen neue Perspektiven und erfordern mitunter methodische Neuorientierungen. Wie lässt sich der Logik des Feldes folgen – und wie damit umgehen, dass ursprüngliche Pläne nicht umsetzbar sind, weil das Feld „anderes“ bereithält?

Auch die Auswertung, das Sortieren und Auswählen von Quellen oder ethnografischen Daten ist von Momenten des Einlösens und Auslassens geprägt. Hinweise im erhobenen Material, denen man gern weiter nachgehen würde, führen nicht immer in den Rahmen der Promotion oder können beim Verschriftlichen nur angedeutet werden. Was wird sichtbar gemacht, was hervorgehoben – und nach welchen Kriterien werden diese Entscheidungen getroffen?

Obendrein sind Momente und Entscheidungen des Einlösens und Auslassens im Promotionskontext häufig eng mit strukturellen Bedingungen und forschungspraktischen Beschränkungen verknüpft. Im Verlauf der Promotion entstehen vielfältige Anforderungen und Erwartungen, die eingelöst werden sollen oder müssen – etwa in Bezug auf Lehrverpflichtungen, administrative Tätigkeiten, Drittmittelarbeit oder institutionelle Einbindungen. Auch Zeitrahmen, bedingt zum Beispiel durch das Ende von Stellen, Stipendien und anderer Promotionsfinanzierung, spielen eine Rolle. Zugleich stellt sich die Frage, wann und unter welchen Voraussetzungen es möglich ist, Aufgaben auszulassen, Prioritäten zu verschieben oder bewusst Nein zu sagen. Welche Arbeits- und Rahmenbedingungen ermöglichen es, bestimmte Vorhaben einzulösen oder auszulassen? Welche Bedingungen wirken hinderlich oder begrenzend? Und wie verhalten sich individuelle Handlungsspielräume zu strukturellen Zwängen?

Gerahmt wird der Promotionsprozess zudem von Erwartungen – auch aus dem privaten Umfeld – vor dem Beginn der Promotion ebenso wie von Vorstellungen und Perspektiven für die Zeit danach. Welche beruflichen Möglichkeiten eröffnet der Abschluss der Promotion – und was wird im Verlauf eines oft langjährigen Promotionsprozesses möglicherweise ausgelassen? Dazu zählen etwa Jobangebote, alternative Karrierewege oder andere Optionen, die zugunsten der Promotion nicht weiterverfolgt werden.

Im Sinne dieser und weiterer Fragen möchten wir Doktorand*innen aus dem Fachzusammenhang der Empirischen Kulturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Kulturanthropologie, Volkskunde im Rahmen der 20. DGEKW-Doktorand*innentagung herzlich zum gemeinsamen Nachdenken darüber einladen, was Einlösen und Auslassen in Bezug auf ihre Forschungen und ihr jeweiliges Tun bedeutet: Worin und wie zeigen sich Momente des Einlösens und Auslassens im eigenen Promotionsprozess?

Beitragsformate & Organisatorisches

Neben klassischen Vortragsformaten zu empiriegeleiteten, theoretischen oder methodologischen Überlegungen sowie praktischen Erfahrungsberichten sind auch gemeinsame Quelleninterpretationen, methodische Übungen, Diskussionsformate und andere kreative Ideen willkommen.

Wir freuen uns auf Vorschläge für Beiträge (ca. 300 Wörter) zusammen mit einer kurzen biografischen Notiz bis zum 30. April 2026 an doktagung@ekw.uni-kiel.de. Unter dieser E-Mail-Adresse steht das Organisationsteam auch für Fragen und Anregungen zur Verfügung. Die Anmeldung zur Teilnahme ohne aktiven Beitrag ist unter derselben Adresse bis zum 30. Juni 2026 möglich. Durch die Einzahlung der Teilnahmegebühr von 20 Euro ist die Anmeldung verbindlich. Die Zusendung der Bankverbindung erfolgt mit der Bestätigung der Anmeldung.